Schurwolle: Das High-Tech-Wunder der Natur – Eine Materialkunde

Ganz gleich, ob für hochwertige Textilien, Decken oder anspruchsvolles Schuhwerk – Schurwolle ist ein Material, das seit Jahrtausenden geschätzt wird. Doch was verbirgt sich technisch hinter dieser Naturfaser, und warum ist sie synthetischen Fasern bis heute haushoch überlegen? In diesem Ratgeber tauchen wir tief in die Welt der Schurwolle ein und erklären, was sie so einzigartig macht.

Was genau ist Schurwolle?

Wolle ist nicht gleich Wolle. Der Begriff „Schurwolle“ (oft auch als „Reine Schurwolle“ bezeichnet) ist gesetzlich geschützt. Er darf nur verwendet werden, wenn die Wolle unmittelbar vom lebenden Tier geschoren wurde.

Im Gegensatz zu einfacher „Wolle“, die auch aus Reißwolle (Recycling-Material) oder von verendeten Tieren stammen kann, ist Schurwolle ein Erstnutzungsprodukt. Sie ist frischer, elastischer und besitzt eine intakte Schuppenstruktur, was für die Funktionalität der späteren Stoffe entscheidend ist.

Die Qualitätsstufen

Je nach Rasse und Herkunft unterscheidet man verschiedene Qualitäten:

  • Merino-Schurwolle: Besonders fein, stark gekräuselt und kratzfrei.

  • Crossbredwolle: Etwas robuster und kräftiger, ideal für strapazierfähige Stoffe.

  • Lammwolle: Die erste Schur eines Lamms, außergewöhnlich weich und zart.

Die Schur: Handwerk im Einklang mit der Natur

Wann und wie ein Schaf geschoren wird, folgt einem Rhythmus, den die Natur vorgibt. Für das Schaf ist die Schur wie ein notwendiger Friseurbesuch – sie befreit das Tier von einer schweren Last und ist essenziell für seine Gesundheit.

Der richtige Zeitpunkt

Die meisten Schafe werden einmal im Jahr, meist im Frühjahr (zwischen April und Juni), geschoren. Das hat zwei entscheidende Gründe:

1. Wohlbefinden: Bevor die Sommerhitze einsetzt, wird das dichte Wintervlies entfernt, damit das Tier nicht überhitzt.

2. Qualität: Nach dem Winter ist die Wollfaser besonders lang und kräftig gewachsen, was sie ideal für die Weiterverarbeitung zu hochwertigen Walk- und Filzstoffen macht.

Das Handwerk der Schur

Die Schur selbst erfordert viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Professionelle Scherer benötigen nur wenige Minuten pro Schaf. Dabei wird das Vlies in einem Stück – dem sogenannten „Vließ“ – vorsichtig mit einer Schermaschine abgenommen.

Ein wichtiger Qualitätsfaktor für unsere Produkte: Wir achten darauf, dass die Wolle unmittelbar nach der Schur nach Feinheit und Farbe sortiert wird. Nur die besten Partien, die frei von Verunreinigungen sind, schaffen es in die Produktion für unsere Gottstein und Stegmann Hausschuhe.

Ein Muss für das Tierwohl

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Schur dem Schaf schadet. Tatsächlich würden moderne Schafrassen ohne die jährliche Schur unter dem Gewicht und der Hitze ihrer eigenen Wolle leiden. Zudem bietet ungepflegte, zu lange Wolle einen Nährboden für Parasiten. Die fachgerechte Schur ist also ein Akt der Tierpflege und sorgt dafür, dass die Schafe agil und gesund bleiben.

Die physikalischen „Superkräfte“ der Faser

Schurwolle ist ein wahres Meisterwerk der Evolution. Ihre Struktur ermöglicht Funktionen, die im Labor nur schwer nachzubauen sind:

1. Die Klimaanlage für den Körper

Schurwollfasern sind von Natur aus stark gekräuselt. Dadurch entstehen im Gewebe Millionen kleiner Luftpolster. Luft ist ein hervorragender Isolator: Sie hält die Körperwärme bei Kälte fest, schirmt den Körper aber bei Hitze gegen die Außentemperatur ab. Schurwolle wirkt also temperaturregulierend – Sommer wie Winter.

2. Das Feuchtigkeitsmanagement

Wolle ist hygroskopisch. Das bedeutet, sie kann bis zu 33 % ihres Eigengewichts an Wasserdampf aufnehmen, ohne sich feucht oder klamm anzufühlen. Während Synthetikfasern Feuchtigkeit nur oberflächlich ableiten, speichert Wolle sie im Faserinneren und gibt sie langsam nach außen ab. Das Ergebnis ist ein stets trockenes Hautklima.

3. Selbstreinigung durch Lanolin

Jede echte Schurwollfaser ist von einer Schicht Wollfett, dem Lanolin, umhüllt. Dieses Fett wirkt wasser- und schmutzabweisend. Zudem besitzt Schurwolle eine natürliche Eiweißstruktur, die geruchsbildende Bakterien neutralisiert. Unangenehme Gerüche werden nicht gespeichert, sondern beim Lüften einfach wieder an die Umgebung abgegeben.

Von der Faser zum Stoff: Walk und Filz

In unserer Manufaktur verarbeiten wir diese wertvolle Schurwolle zu zwei speziellen Stoffarten, die ihre positiven Eigenschaften perfekt zur Geltung bringen:

Der Walkstoff (Gewalkte Schurwolle)

Beim Walken wird die Schurwolle zuerst gestrickt und dann durch gezielte Einwirkung von Wärme, Feuchtigkeit und Reibung kontrolliert verfilzt.

  • Eigenschaft: Walkstoffe sind elastisch, weich und schmiegsam. Sie eignen sich hervorragend für Modelle wie den Gottstein Dakota, der den Fuß sanft umschließt.

Der Filzstoff (Wollfilz)

Echter Wollfilz entsteht direkt aus den losen Wollfasern, die durch Druck und Dampf zu einer festen Fläche verbunden werden.

  • Eigenschaft: Filz ist extrem robust, formstabil und kräftig. Er bietet dem Fuß den nötigen Halt für ein ergonomisches Gehen, wie man es bei den Stegmann Filzclogs erlebt.

Nachhaltigkeit und Verantwortung

Schurwolle ist ein nachwachsender Rohstoff und zu 100 % biologisch abbaubar. Wir legen großen Wert darauf, dass die von uns verwendete Schurwolle aus artgerechter Tierhaltung stammt. Denn nur ein gesundes Schaf liefert eine Faser, die all die oben genannten Eigenschaften in höchster Qualität besitzt.

Seit vier Generationen verarbeiten wir den Rohstoff Wolle und gehören zu den führenden Spezialisten in Sachen Walken, Filzen und Wollverarbeitung. Die Wollkompetenz und das Know-How über die Filzherstellung wurde von Generation zu Generation weitergegeben und wird stetig weiterentwickelt.

Philipp Gottstein